Sonntag, 26. September 2010

Endlich frei

Die erlernten Überforderungsmuster der Depressiven:


1. Depressive Menschen sind ständig bestrebt, die tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungen anderer zu erfüllen. Müssen und nicht wollen ist ihre Lebensdevise.
2. Depressive Menschen sind ihr Leben lang bemüht, allen alles recht zu machen. Sie „müssen“ alles tun, ihre eigenen Erwartungen und die der anderen erfüllen und zufrieden stellen.
Eine Zufriedenheit mit sich selbst gibt es nicht.

3. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf andere ausgerichtet. Was in ihnen geschieht, sehen sie nicht, was sie fühlen, zählt nicht und wer sie sind, wissen sie nicht. Sie geben sich keinen Wert und keine Bedeutung.
4. Sie stellen sich laufend in den Hintergrund, übergehen und vernachlässigen sich.
5. Sie überfordern sich chronisch mit übersteigerten Anforderungen an sich.
6. Sie überfordern sich, in dem sie ständig über ihre physischen und psychischen Grenzen gehen und sich damit schwächen und verletzen.

7. Immer und überall fühlen sie sich verantwortlich, ohne je vor sich genügen zu können.
Dies alles machen sie ohne Selbstvertrauen, ohne sicheren Boden unter den Füßen.

Das zermürbt. Und lange mag dies gut gehen, die latente Depression wird geahnt aber wie alles an sich selbst, nicht ernst genommen. Bis der totale Zusammenbruch kommt, in dem nichts mehr geht, die manifeste Depression ist da.

Immer geht’s ums 'müssen' nie ums 'wollen' und dieses 'müssen' passiert von ganz alleine, ohne das man sich gefragt hat, ob man dieses oder jenes tun will, man agiert und springt sofort und tut und macht, es ist wie ein Zwang.

Der Ausstieg geht nur über das Verstehen und Verändern eben dieser Muster.
Das ist mühsam und hart, denn man spürt sich selbst gar nicht richtig, man muss lernen auf sich zu hören und immer bei sich zu bleiben. Kleine Brötchen sind nun zu backen, aber die schmecken ja auch und nähren.

Aussage einer Betroffenen:
„Ich kümmere mich jetzt um mich und damit habe ich genug zu tun. Jetzt bin ich dankbar, dass mir die kleinen Schritte gelingen, auch wenn die anderen meinen, dass ich nichts tue und dass sich bei mir nichts bewegt.
Was ich mir immer vornehmen muss, ist genau zu spüren, was ich will und wie es mir geht. Das ist anstrengend und macht mich manchmal auch ungeduldig und unzufrieden, dass es nicht automatisch passiert, dass ich mich immer so sehr drauf konzentrieren muss.“

Im Sichspüren im Hier und Jetzt verändern sich die depressiven Muster. Und jede Veränderung so schwierig sie im Moment auch erscheint, gibt eine innere Zufriedenheit und das Gefühl der Stimmigkeit.

Und nur um das geht es:
hinhören und spüren, was im Moment möglich ist und was sie sich im Moment zutrauen. Nur das machen und sich soviel vornehmen, wie sie spüren, dass es im Moment richtig ist.
Diese Anstrengung wird gern umgangen: Man nimmt Tabletten und ist schnell wieder fit und funktionsfähig.
Und gut drauf. Mehr wollte man doch gar nicht.
Aber merke: Der Körper und die Seele lassen diesen weiteren Raubbau an sich, nicht mehr zu!
Irgendwann kommt die Rechnung.

(aus dem Buch *Endlich frei* von Giger-Bütler)
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Ich mag heut auch nicht mehr müssen.
Ich will und kann nicht mehr müssen.
Ich will wollen und können.
Das was gerade geht und nicht mehr.

Kommentare:

  1. ich find es treffend beschrieben. das buch kenne ich noch garnicht.

    dir wünsche ich einen schönen sonntag.
    Sania

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  2. Japp, alles stimmt. Vorher weiss die Autorin
    das ?! Fühle mich enttarnt.

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  3. Es is ein Auto und der is Psychotherapeut und hat langjärige Erfahrung mit schwerst depressiven. Das is das schöne, das er trotzdem so gut verständlich schreibt und ich kann und kann es immer wieder lesen.
    Weil die Verhaltensmuster so festsitzen und deswegen liegt das Buch immer greifbar, damit ich mein Wissen wieder auffrische: wie ich es machen soll.
    Und das ich auf mich hören DARF naja fast muss, aber dieses müssen is eben zuviel :)
    Ach lest selbst :-)
    Es is wirklich Goldwert das Buch.

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  4. ICH MERKE ERST DAS ES MIR SCHLECHT GEHT WENN ICH LÄNGST ÜBERMÄSSIG AGGRESSIV BIN. SCHADE ABER ICH HABE NIE GELERNT IN MICH REIN ZU HÖREN. RICHTIG ES KOSTET ZU VIEL KRAFT, DENN KRAFT WEND EICH MIT TARNEN AUF.
    "MIR GEHTS DOCH GUT, ICH BIN DER LILAGUTELAUNEBÄR" ;-)
    WÜNSCHE DIR EINEN SCHÖNEN SONNTAG AN DEM DU NUR MACHST WAS DIR GUT TUT
    LG

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  5. Das kommt mir irgendwie sehr bekannt vor.

    Ich glaube das wichtigste ist, sich dies alles bewusst zu machen und es sich einzugestehen...

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