Sonntag, 29. August 2010

Geld oder Leben ?!

Das Wort Habgier/Habsucht hört man hierzulande nur noch selten. Früher war dies nicht gern gesehen und heute wird es gar gefördert: Immer mehr musst du haben, um endlich endlich glücklich zu werden, den passenden Partner zu finden und überhaupt!!!


Ich hab beides erlebt.

Als ich ein Kind war, waren wir sehr arm, im Winter konnte ich an der Fensterscheibe Eiskristalle bestaunen, wir schleppten das Öl kannenweise aus dem Keller, um vormittags erst die Küche und nachmittags das Wohnzimmer damit zu heizen.

Neue Kleidung gab es nie, nur Second-Hand von Nachbarn oder vom Flohmarkt. Urlaubsfahrten gab es auch nie und es fehlte mir auch nicht, weil mir die Natur vor der Haustür und die vielen Nachbarskinder Abwechslung und Beschäftigung genug gab.

Die Badewanne wurde nur am Samstag voll gelassen, denn das Wasser musste erst gute 2-3 Stunden mit Feuer in einem Boiler erhitzt werden!

Limonade, Knabberzeug und Semmeln kannte ich nur von anderen Kindern oder bei besonderen Gelegenheiten hin und wieder mal.

Sicher, für meine Eltern war es oft genug hart und mühsam.


Später war mehr Geld im Haus und wir zogen um, da gab es Zentralheizung, fließend warmes Wasser, das Essen war hochwertiger, wir fuhren nach Italien und Ungarn, die Hauptstraße führte genau an unserer Haustür vorbei, es gab neue teure Kleidung...

alle waren froh und glücklich darüber...

und mir ging es immer schlechter. Ich wurde einsam, dank eines eigenen Zimmers und nun voll arbeitenden Eltern. Mir fehlte die Natur, das Holzfeuer im Bad, die vielen bekannten Menschen um uns herum.


Aber es hieß: So ist das heute nunmal.

Also beugte ich mich dem und verdiente auch viel Geld,

ich kaufte mir immer mehr Sachen, ging nur noch außerhalb essen und war genauso unglücklich wie damals.

Durch die vielen Dinge um mich herum, zerstreute ich mich immer mehr und verlor mich schließlich ganz. Ich dachte auch, dass ich wirklich all den Firlefanz von künstlichen Nägeln, Haarfärberei, 30 Schuhen, Zeitschriften, Auto, TV, ständig neue Kleidung zum Überleben brauchen würde!


Inzwischen schrabbe ich wieder knapp am Existenzminimum vorbei, nicht ganz freiwillig.

Es zentriert mich mehr, wenn ich mir genau überlegen muss, was ich mir kaufe. Das wird unterteilt in „ganz wichtig“ und „wäre auch ganz schön“. Wünsche werden aufgeschrieben und beobachtet, ob ich das in einem Monat immer noch haben will.

Ich wurde wieder kreativer: Woher neue Kleidung, Musik, Bücher, Essen,Reisen für wenig Geld?

Ich schätze meine Besitztümer wieder mehr und erfreue mich viel länger daran, als wenn ich es schnell mal irgendwo gekauft hätte.

Geschenke von anderen werden viel kostbarer!

Ich gehe viel achtsamer mit Extrageld (das ich mir durch kleine Jobs hinzuverdiene oder geschenkt bekomme) um.

Ich wurde disziplinierter mit Ausgaben und meiner Kraft!

Materiell fühle ich mich nicht arm! Ich friere nicht, ich leide keinen Hunger, alle meine Sinne funktionieren wunderbar, ich habe sauberes Wasser, ein dichtes Dach über meinem Kopf, ich kann lesen, schreiben, rechnen, Auto fahren, einige liebe Freunde und Bekannte bereichern mein Leben …

dazu braucht es kein neues Handy, Diamanten, Markenkleidung usw. Um damit meinem Nachbarn zu beeindrucken, der mir eh am Arsch vorbei geht?

Mitnichten!

Natürlich gibt es auch dunkle Momente voller Verzweiflung und Scham!

Heute überlege ich mir dreimal, für was ich meine Arbeitskraft und meine Gesundheit verkaufen will.

Armut kann sehr schlimm sein, ganz klar, aber die Bescheidenheit ist mir seelisch und körperlich erträglicher.

Zum weiterlesen:

http://www.der-traveller.de/html/genuegsamkeit.html

Kommentare:

  1. Ach ja, das kenn ich doch.Als Kind hatten wir Kachelöfen, die Wanne stand in der Küche und es wurde nacheinander gebadet, die Kleidung war auch von anderen und meine erste Wohnung mit 17 hatte auch noch éfen, auch den im Bad.Somit musste ich erst holz und Kohle schleppen um eine warme Wohnung zu haben.
    Aber egal ich lebte allein, das war mein Schatz. Hatte kaum Geld weil ich eine Ausbildung machte wo ich bezahlen musste, und ging ab 14j arbeiten. Erst 10Std die Woche auf Honorarbasis beim Bezirksamt und dann folgten ab 16j. diverse Nebentätigkeiten.
    Ich war immer für wenig Geld schuften, habe immer gegeben um heute noch nen Kredit abzuzahlen weil ich weich war. Ich wollte anderen immer gutes tun auch wenn ichs mir nicht leisten konnte, egal ich habe ja dirpo, danach die kreditfalle, und wieder dispo....
    Heute zahle ich noch 1 jahr ne recht hohe Summe an kreditzinsen ab und lebe finanziell etwas besser, bin jedoch vorsichtig. nicht alles glänzt ist gold.
    ich spare mir immer was ab damit ich für notsituationen was habe, das konnte ich nicht mehr seit einführung des euros.
    was macht das schicksal mit mir ? gibt mir ne krankheit, damit ich vom ersparten nichts mehr habe, weil arztkosten gezahlt werden müssen.
    egal, dennoch lebe ich ruhiger, muss keine nebenjobs mehr machen und weiss wie es ist das geld ausgeben zu können und nichts zu haben.
    immer habe ich für etwas gekämpft .ich denke ich habe dadurch einen fetsen charakter bekommen.
    wer scheisse gefresssen hat weiss wie gut das leben schmeckt.
    ich brauch keine million um glücklich zu sein, das wahre glück sind freunde die da sind wenn du sie brauchst :-)
    Lange lange rede und kurzer sinn, sorry.
    hab nen schönen tag und geniess die wertvolle zeit die du ohn earbeit verbringen darfst. erfreu dich auch mal daran, es ist auch ein luxus das geniessen zu dürfen, wenns auch nicht immer leicht ist ;-)
    schönen sonntag wünsche ich dir

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  2. Bei uns wurde nur ein Zimmer geheizt, wir hatten Wärmedecken fürs Bett. Klamottenmäßig hatte ich nie die angesagten, nichtmal echte Entenschuhe, Puma und nicht Adidas, mein Parker hatte kein Abzeichen, eingekauft wurde grundsätzlich bei Aldi. Wir hatten auch einen Boiler fürs warme Wasser - man mußte 1,5 Std. vorher wissen, dass man Baden wollte und wenn man zu lange gewartet hat, war das Wasser wieder kalt. Mit 15 hab ich 10DM Taschengeld im Monat bekommen, aber ich bin damit ausgekommen. Hatte keine Platten, nichtmal einen Plattenspieler und hab meine Pullover selbstgestrickt. Meinem Sohn ist das nicht beizubringen, dass es auch mit weniger gehen muss oder müßte. Ich habe aber viel daraus gelernt, kann sehr gut mit meinem wenigen Geld umgehen.

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  3. Hm.. also meine Mutter war alleinerziehende Lehrerin und klagte immer, dass wir kein Geld haben. Aber eure Schilderungen erinnern mich eher an Nachkriegszeiten. Sowas hab ich nie erlebt.

    Naja okay, ich bin in so einer absoluten Schickeria Gegend aufgewachsen, wo alle sonst riesige Villen hatten und zum 18. gleich 2 Autos bekamen. Und wir hatten ne Mietwohnung und ein Problem, wenn die Waschmaschine kaputt ging. Ist wohl alles relativ und eine Sache des Vergleichs. Besonders meine erste Schule war extrem so... dann hab ich gewechselt und war mit lauter Alternativen auf einer Schule *lach. Die aber auch Geld hatten...

    Ich empfinde manchmal Besitz als wirklichen Balast und hab das Bedürfnis mich davon zu befreien. Ab und zu denke ich so absurde Sachen, wer das alles wegräumen soll, wenn ich mal sterbe. Wenn man nichts hat, hat man auch nichts zu verlieren... aber behalten tu ich dann doch das meiste.
    Und wirklich... der wahre Luxus ist Zeit :).

    LG Tina

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  4. Hat man Zeit, hat man kein Geld - Hat man viel Geld hat man keine Zeit.

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  5. Ich merke selbst immer wieder - Geld macht nicht glücklich bzw. mehr Geld als man braucht macht nicht glücklicher.

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  6. Jaaa die Wärmedecken fürs Bett hatten wir auch ;)
    Und wenn die Füße mal zu kalt waren: raus in Schnee und dann abrubbeln: kostenlos, einfach, effektiv ;)

    Genau der Vergleich machts: Für nen reichen Luxenburger bin ich ne arme Sau. Für nen Rumänen ziemlich wohlhabend.

    Ja ich bin wahrlich froh, dass ich so eine Unterstützung kriege und mit meinem Sachbearbeiter gut zusammen arbeiten kann.

    Schulden, Ratenzahlungen usw. kommen mir nich mehr ins Haus, hab dafür zuviel Lehrgeld bezahlt ;)
    Das muss man einfach selbst durch leben, da helfen keine Ratschläge von außen...manchmal is eben keine Hilfe, die beste...

    Schönen Sonntag euch allen ;)
    PS: Ich bin Jahrgang 1980 also weit weg von der Nachkriegszeit :-)

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  7. hahahaha, ich 72 und auch weit weg davon.
    genau, schulden gehen bei mir auch nicht mehr. habe hier extra keinen dispo. wozu auch, ich weiss ja wann lohn kommt und wieviel im monat an kosten da sind.
    èber Tinas Text musste ich dennoch lachen. Irgendwie heute garnicht mehr vorstellbar solche Zeiten.
    Ich wünsche Euch auch nen schönen Sonntag

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  8. Schöne Worte, die "Wesentliches" zeigen.

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