Freitag, 11. Juni 2010

Trotzdem JA zum Leben


Wenn über die Postttraumatische Belastung informiert wird, dann oft im Zusammenhang mit Soldaten die im Krieg waren, dann nach Hause kommen und andere Menschen sind, als sie vorher waren.

Doch was, wenn der Krieg in zwischenmenschlichen Bereichen tobt?
Wenn der Kriegsort genau da ist, in dem man eigentlich Liebe und Geborgenheit erwartet: In der eigenen Familie und in der Partnerschaft???

Stell Dir vor, es ist Krieg und Du bist mittendrin.
Viele Jahre 10 oder 20 kämpfst Du. Du kämpfst um das pure überleben!
Du willst - Du musst dauernd irgendwie Deine Haut retten.
Du spürst Deine Grenzen (noch!). Du kannst nicht mehr, aber Du musst weitermachen, denn wenn Du zusammen brichst ist alles vorbei.
Dann stehst Du nie mehr auf. Dann bist Du erledigt.

Also treibst Du Dich an, immer lauter, immer vehementer .
Du ignorierst Gefühle und Gedanken, Deine Bedürfnisse sind Dir nicht mehr wichtig. Du prescht vor und funktionierst absolut und total.

Irgendwann ist der Krieg vorbei.
Das merkst Du lange nicht.
Und wenn Du es merkst, kannst Du nicht einfach umschalten.

Du kämpfst weiter, gegen andere aber vor allem gegen Dich selbst!
Deine Kraft schwindet, Du strauchelst, nimmst Dich aber weiter zusammen.
Keiner soll Deine Notlage bemerken, das wäre zu peinlich!
Und schämen tust Du Dich ja eh schon dauernd, weil nichts gut genug ist.

Immer weiter, immer höher, Deine Nerven flattern, Dein Puls rast.
Wer Du wirklich bist und was Du wirklich willst weißt Du nicht. Das war auch nie wichtig.
Ruhe und Entspannung sind Dir fremd. Gelassenheit ebenso.
Jederzeit könnte ein neuer Angriff losgehen, da muss man immer bereit sein.
In ständiger Anspannung.

Du hilfst Kameraden, zerrst sie aus Gräben, reparierst hier und da etwas, munterst schwerst verletzte auf, pflegst Kinder, tröstest alte Menschen,
doch für Dich selbst bleibt kein gutes Wort.
Kein Lob, keine Berührung - Du könntest das auch gar nicht annehmen, denn Du
bist ja der Starke.
Aber der Rücken krümmst sich immer mehr. Die Last ist zuviel.

Da der Krieg schon lange vorbei ist, gibt es keine Verletzten mehr,
aber Du hast das Verhalten, dass Dir damals das Leben gerettet hat so perfektioniert, es ist so tief eingegraben, dass Du es ganz automatisch immer wieder machen musst!

Du hast weiter das Gefühl, dass es um's reine Überleben geht und für Pausen und Spaß kein Platz ist, denn wenn Du Dir das einmal gönnen würdest, würde alles wie ein Kartenhaus zusammen brechen, zu Pulver zerbröseln.

Du schreckst weiter bei jedem Flugzeug zusammen, ein Bombenangriff!
Du gehst in Deckung, machst Dich ganz klein und wirst still.
Oder Du läufst, läufst wie eine Wahnsinnige um Dein Leben.
Irgendwer sagt Dir dann mal, dass heute dieses Flugzeug keine Gefahr mehr bringt, sondern dass da drin Menschen in den Urlaub fliegen.

Dein Kopf weiß das nun, aber Dein Körper reagiert weiter, als ob Lebensgefahr besteht!

Im Krieg bleibt keine Zeit für Besinnung, für Gefühle und Heiterkeit.
Da muss man funktionieren, reibungslos.
Du denkst weiter, dass jeder Dein Feind sein könnte und bist sehr mißtrauisch und voller Angst.
Keiner darf Dir zu nahe kommen!
Du ziehst Dich weiter zurück. Das ist sicherer.

In Dir strömt immer noch das Adrenalin.
Du kannst sehr schlecht schlafen.
Du bist dauern in Bewegung.
Die innere Unruhe macht Dich fast wahnsinnig.

Irgendwann nachdem Dir Dein Körper duzend Halteschilder gezeigt hat und Du das ignoriert hast (denn Du bist ja jung und kannst viel erreichen!) kommt ein dickes fettes STOP! egal ob Dir das gefällt oder nicht.
Alles um Dich herum wird schwarz.
Du liegst am Boden. Fertig. Erledigt.

Du siehst in den Himmel, hörst die Vögel, spürst das Gras.
Weit und breit kein Panzer, außer in Dir.
Der löst sich in einem Meer von Tränen.
Keine Bomben, keine Raketen. Ab und zu wird noch auf Dich geschossen. Leichte Treffer, aber sie tun sehr weh, weil sie von den Menschen kommen, denen Du vertraut hast.

Du schaust Dich um und erkennst wirklich: Der Krieg ist vorbei.
Nun machst Du Dich auf den Weg: zu Dir.
Wie lebt man denn im Frieden?
Was ist denn das Leben?
Was fühle ich?
Was will ich?
Was ist mir wichtig?
Wo sind meine (körp.-seel.) Grenzen?

Du überlegst, denkst nach.
Du musst erstmal Dich finden, nachdem Du Dich jahrelang ignoriert hast.
Es ist Deine letzte Chance!
Es ist gar nicht so einfach.
Du brauchst Ruhe, ganz viel.
Keine Fragen von außen, keine Ratschläge, keine Zweifel, keinen Druck.
Das alles nagt eh schon viel zu viel in Dir.

Du merkst: Hej ich mach das schon, Schritt für Schritt, Stück für Stück.
Du fällst hin, stehst auf, schaust Dich um, gehst weiter.
Erkundest Dich und Dein Leben.
Es ist anstrengend und auch wunderschön.

Du schließt Frieden mit Dir selbst......

...... der Krieg ist vorbei......

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