Mittwoch, 30. Juni 2010

Ein Traum

In den letzten zwei Jahren lernte ich viele Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren kennen, die nicht mehr (oder nur noch ganz wenig) arbeiten gehen können.

Und was mir auffiel:
Die soziale Isolation ist schlimm und das ohnehin schon große Leid, wird noch größer.
Auch ich kenne das.
Auch wenn ich mich von Menschen eher fern halte.
Trotzdem leide ich oft genug unter dieser Einsamkeit.
Da ist eine elendige Zerrissenheit in mir: Nicht können--aber wollen. Angst und Sehnsucht zugleich.

12 Jahre lang lebte ich als Kind in einem sehr großen sozialen Umfeld.
Irgendwer war immer da.
Ich denke das half mir enorm. Zuhause war wenig Geborgenheit, viel schweigen und Manipulation.
Draußen unter den vielen Kindern und Erwachsenen, gabs immer Ansprache, Spiel, Spaß, ein offenes Ohr, ein Lachen....
Deswegen konnte ich mein Zuhause gut ertragen, weil es noch zusätzlich einen Stabilisator gab. Der dann von heut auf morgen wegbrach.

Heute sieht es so aus, dass wenn ich mich mit jemand treffen will,
das groß geplant werden will.
- welcher Termin?
- wo?
- was machen wir?
- ich oder derjenige muss meist eine halbe Std. fahren, weil wir nicht nah beieinander wohnen, also mehr Zeit einplanen, mich schick machen, Fahrkarte kaufen usw..

Mir fehlen die kleinen Zusammenkünfte:
- mal kurz ein Plausch im Garten
- ein: hej kommst rüber zu nem Tee
- ein spontaner Spaziergang zusammen
- ein helfen im Haushalt
- ein kurzes vorbei schauen: alles ok bei dir?

Ich wünsche mir ein *Lebenshaus*:
Kleine Wohnungen (ich brauche mein eigenes Bad und zumindest eine Minikochecke).
Mit Menschen die nicht mehr 100% "funktionieren".
Eine Hausgemeinschaft, wo jeder weiter für sich selbst verantwortlich bleibt, aber man sich besser kennt und gegenseitig hilft und gemeinsam etwas machen kann.
Ohne einer Ideologie oder eines Programmes.
In denen man an guten Tagen anderen helfen kann (meine Leistungsfähigkeit schwankt enorm) oder im Garten was tut..ect.
Vielleicht mit einem Gemeinschaftsauto.

Und ein schwarzes Brett, auf dem man sich melden kann:
z.B. wer hilft mir die nächsten Tage beim Gassi gehn?
jemand Lust am Wochenende ein Lagerfeuer zu machen?
wer mag mit an den See?
fahre morgen einkaufen, wer mag mit?

Vielleicht kann der eine den anderen unterstützen, in Dingen wo der andere Angst hat.
Oder:
Bücher austauschen, in Behördendingen helfen, etwas schneidern, gemeinsam musizieren, kreativ sein (in einem kleinen Nebengebäude) gemeinsam putzen...
Nach dem Motto:
Man kann zusammen sein, muss aber nicht.
Nur soviel wie jeder will.

Immer wieder komme ich auf solche Gemeinschaftsideen.
Ich habe mich dazu viel informiert, einige Leute getroffen, einige Häuser angesehn und meistens war ich davon abgeschreckt.
Weil es zu nah war. Zuviel gemeinsam. Nur mit bestimmten Regeln (z.b. Alkohol-Nikotin-Handy-frei), auch wanderten viele eher in sektenähnlichen Bereichen ab (mit einem Leiter, *Herrscher* oder Halbguru), oder ganz streng Öko-alternativ.
Da war der Schein immer toll. Und wenn ich genauer hin sah, müffelte es aus allen Ecken. Da war nix mehr mit achtsam und frei und selbstbestimmt leben!

Es geht mir um die kleinen Begegnungen, die ich immer mehr vermisse.
Um kleine Hilfeleistungen: Ich kann das, der andere kann das.
Zu erfahren: Es kann mit Menschen auch schön sein und ich kann mich schützen und für mich sorgen, auch IM Kontakt...

Ich weiß nicht, ob ich mich so etwas wirklich trauen würde....
....aber träumen darf ich. ;-)

Kommentare:

  1. So etwas wäre toll - ich kann das gut nachfühlen - ich finde es schade, dass so etwas unkompliziertes heute nicht mehr gibt - wo jeder sein kann - wo trotz unterschliedlichkeit es ein gutes miteinander geben kann.

    wo man einfach mal vorbei gehen kann, weil man gerade des weges ist....das gibt es hier auch nicht mehr....schade, jeder ist so verplant...

    ich bin da anscheinend eine große ausnahme in meiner umgebung...

    Herzlichst
    artista

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  2. Ja so is es...
    hier im Wohnviertel is eine hohe Fluktationsrate...leider. So erkennt man nichtmal seinen Nachbar aus dem Nebenhaus. Und die meisten sind eben den ganzen Tag in der Arbeit...
    Aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt :-))

    Liebe Grüße

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  3. hallo liebe Regenfrau, ich gehe grade deine alten postings durch und entdecke soviele gemeinsamkeiten....mir geht es genauso wie dir....und frage mich...was ist los mit unserer GEneration? sind wir eine lost Generation? oder halten wir uns instinktiv aus einem system heraus, das gerade dabei ist zu kollabiern? hmmm, soviele Fragen....

    :)

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  4. Ich glaub das viele merken, dass das alte Modell z.B. das ganze Leben denselben Beruf, nicht mehr funktioniert.
    So wie jede Generation irgendwas neues/anders macht.
    Und ewig lange haben die Menschen zusammengelebt und zusammen gearbeiet, das ist heute immer mehr zersplittert, aber die alte Ahnung davon tragen wir in uns.
    Seinen eigenen Weg finden, das gehört sicherlich zu unsrer* Generation mit dazu und darum bin ich froh ;)

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