Freitag, 18. Juni 2010

Das Ende ist ein neuer Anfang

Heute vor einem Jahr war mein Zusammenbruch.
Daten von bestimmten Anlässen konnte ich mir noch nie merken, aber DAS Datum, werde ich nie vergessen!
Es war so gruselig und grauenvoll.

Ich hatte eine Arbeit die mir riesigen Spaß machte, endlich endlich hatte ich diese gefunden.
Vorher wußte ich nie was ich machen wollte und probierte vieles aus und immer ging es irgendwann nicht mehr. Kein Antrieb, keine Lust mehr. Ich kündigte oft. Und oft war ich lange arbeitslos.
Es hieß immer nur: Da müsse ich halt durch, lernen mich unterzuordnen, das Leben ist nun mal mit Arbeit verbunden, wie soll das weiter gehen, denk an deine Rente...
Ich spürte immer nur Vorwürfe und Druck. Und ich zog mir den Schuh an, ich gab mir die Schuld, dass ich ES nicht schaffte.

Das sollte mir nun nicht noch einmal passieren.
Ich ackerte wie blöd. Ich hielt durch. Ich nahm innerhalb weniger Monate 8 Kilos ab (was zu gefährlichem Untergewicht führte).
Ich wollte allen zeigen, dass ich sehr wohl leistungsfähig bin!

Später wurde mir bewußt, dass ich immer 100% gab, überall.
Nie erlaubte ich mir eine langsamere Gangart, einen Fehler, ein Aufschub.
Meine arbeit, mein Haushalt, mein Aussehen waren getrimmt auf Perfektion!

Nun hörte ich:
Das geht so nicht. Du machst dich ja kaputt, das hält keiner lange aus und überhaupt DEN Job kann man doch nicht sein Leben lang machen.

Wieder war es verkehrt, was und wie ich es machte. Zum wahnsinnig werden. Und davor hatte ich Angst. Dass der Wahnsinn in mein Haus einzieht.
So wie ich mich fühlte: Zittrig, ängstlich, extrem angespannt, appetitlos, freudlos, schlaflos.
Die Nerven zum zerreißen gespannt!

Immer wieder fand ich neue Möglichkeiten, um nur irgendwie durch zu halten: Kaffee mitnehmen, mehr Pausen, Medikamente, jegliche Freizeitaktivität meiden, weil ich schon gar keine Kraft mehr hatte. 2 Wochen Urlaub halfen überhaupt nichts. 6 Wochen Urlaub am Stück auch nicht.

Ich wurde immer verzweifelter. Und wollte nicht schon wieder aufgeben!
Heftige Scham- und Schuldgefühle beutelten mich.
Jedes laute Geräusch jagte mein Herz wie blöd.

Bis ich in jener Nacht wirklich zusammen klappte. Das endgültige Aus.
Ich wollte und konnte nicht mehr. Doch ich wollte schon noch und das war das schmerzliche an der Sache, weil ich diese Arbeit so sehr liebte.

Dann kam ein Notfallprogramm der Seele zum Einsatz, worüber ich sehr sehr dankbar bin:
Alle Gefühle wurden ausgeschalten. Ich konnte noch 2 Tage alles regeln (Behördenkram, Firmenwagen abgeben, Kunden bescheid geben...) ohne ständig in Tränen auszubrechen.
Wie ein Roboter erledigte ich noch alles.
Dann war endlich Ruhe.

Ich war ein halbes Jahr krank geschrieben. War ständig müde, aber selbst da, trieb ich mich immer zur Eile und Hetze an, obwohl kein Termin mehr auf mich wartete. Ich hatte „nur“ mich zu versorgen und das war gar nicht so einfach...

Ging auch für 10 Wochen in eine Klinik und seitdem spüre ich wieder mehr Freude, mehr Lust am Leben, ich habe wieder an Gewicht zugenommen.
Und mir wurde klar: Ich war nie faul, nie bockig oder sonst was, wie die Leute oft meinten.
Ich konnte wirklich nicht so wie die anderen.
Ich bin nicht so belastbar wie der normale Arbeitnehmer!
Der chronische Streß aus meiner Kinder-und Jugendzeit hinterließ sichtbare Spuren!

Das fällt mir schwer, das anzunehmen.
Ich las immer wieder das Buch: ENDLICH FREI von Josef Giger-Bütler. Hier wurde mir sovieles klar, außerdem lernte ich: Langsam zu machen, ganz langsam.
Und jetzt werd ich schauen, was und wie lange ich arbeiten kann. Mit Unterstützung des Sozialdienstes.
Wahrscheinlich werd ich länger auf staatliche finanzielle Hilfe angewiesen sein, weil ich nicht Vollzeit arbeiten kann.

Aber mir ist es kein Geld der Welt mehr wert, dass ich meine Grenzen so heftig und ständig übertrete, dass ich mich selber so herunter wirtschafte.

Heute möchte ich achtsam und liebevoll mit mir umgehen!
Heute höre ich auf mich und nicht auf die anderen!
Heute lebe ich mein Leben, ob das jemandem paßt oder nicht, ich muss mit mir gut auskommen!
Heute lerne ich langsam durch den Tag zu gehen, auch mal Aufgaben liegen zu lassen, mir Freiheiten gönnen und endlich aufhören, so knüppelhart mit mir umzugehen!

Inzwischen denke ich einfach gerne an meine letzte Arbeit, ohne Bedauern ohne Trauer.
Sie hat mich viel gelehrt, über Menschen und über mich.
Ich bin dankbar, dass es mir heute wesentlich besser geht,
als vor 12 Monaten.

Kommentare:

  1. Liebe Regenfrau,

    sehr emotional und bewegend habe ich deine Zeilen, den Abschnitt eines Lebens von dir, gelesen. Du bist auf einem guten Weg, einem sehr guten.
    Aber so sind die Menschen, Kritik üben, statt sich mal in die Situation einzufühlen. Auf sich selbst verlassen ist immer noch das Allerbeste, das habe ich grad wieder von dir gelernt, DANKE..

    herzlichst, Rachel

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  2. wollte dir nur sagen: ich denke an dich, du hast viel geschafft in den 12 Monaten und kannst stolz darauf sein

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  3. Hallo Rachel,
    tja leider is es oft so: Du verlässt dich auf jemand und wirst verlassen...

    Danke liebe Ilana :-)
    Stolz bin ich gar nicht, sondern eher dankbar, dass ich die richtige Unterstützung von sehr kompetenten und lieben Menschen bekam.

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  4. Habe diese Zeilen mit Mitgefühl und Verständnis gelesen und finde, dass du auf einem sehr guten Weg bist.

    Diese Kritikstimmen kenne ich auch, aber inzwischen bin ich mir sicher, das diese Menschen am wenigsten einstecken können und das nicht schaffen, was wir schaffen.

    Herzlichst
    artista

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  5. Ja liebe artista, dem stimm ich vollkommen zu, dass aus diesen Stimmen auch viel Neid sprach, weil ich etwas tat, was derjenige seit 40 Jahren nicht schafft: Viele unbekannte, lange Strecken mit dem Auto zu fahren.
    Oder dass ich ein anderes Leben lebe als der einer anderen Stimme: Ohne Kinder, ohne Mann...usw.
    Leider wurde mir das erst später bewußt. Aber lieber spät als nie ;-)

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